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Über eine Kultur des wohl-verstandenen Vorschusses

Herr Honneth

Ein Gespräch mit Professor Dr. Axel Honneth über die Bedeutung der Anerkennung für Schüler-Lehrer-Beziehungen und eine produktive Lernkultur

Herr Professor Honneth, wenn wir über Anerkennung reden, worüber sprechen wir da eigentlich?

Unter Anerkennung verstehe ich ein wechselseitiges Verhältnis der Zustimmung oder der Affirmation des jeweils Anderen. Wir können natürlich auch von Anerkennung im Sinne einer einseitigen Wertschätzung sprechen. Die Herkunft des Begriffes versteht darunter jedoch etwas Wechselseitiges.
In den Sozialwissenschaften interessieren wir uns für die institutionalisierten Formen von Anerkennung. Wir fragen beispielsweise danach, wo heranwachsende Gesellschaftsmitglieder die Erfahrung sozialer Anerkennung machen, damit sie als mündige Bürger, aber auch als selbstbewusste Personen später im öffentlichen Leben auftreten können. Von Adam Smith stammt die Idee, es sei für unsere modernen Gesellschaften wesentlich, dass jeder ohne Scham und Angst in der Öffentlichkeit aufzutreten wagt. Das ist eine Art von Leitidee meiner Überlegungen.

In Ihrer Arbeit haben Sie unterschiedliche Formen der Anerkennung herausgearbeitet. Können Sie das kurz erläutern?

Ich habe im Zuge meiner Forschung drei zentrale Formen der Anerkennung begrifflich unterschieden. Zunächst: Immer dann, wenn der Prozess des Heranwachsens einigermaßen gelingt, haben Menschen zuvor die Erfahrung liebevoller Zuwendung gemacht. Diese ganz elementare Form der „sozialen Anerkennung“ findet gewöhnlich in der Familie durch frühe Bezugspersonen statt. Durch diese Fürsorge und der anerkennenden Zuwendung entwickeln wir Formen elementaren Selbstvertrauens.
Im Verlaufe unserer Lebensgeschichte lernen wir allmählich, uns auch wechselseitig als gleichgestellte Personen mit denselben Rechtsansprüchen wahrzunehmen und anzuerkennen. Diese Haltung verdient dann die Bezeichnung „Achtung“ oder „Respekt“ und meint die „rechtliche Anerkennung“, die von unserem modernen Rechtssystem getragen wird. Seit der Französischen Revolution kennen wir die zentrale Idee der Gleichheit. Wir erwarten als autonome Personen für uns selbst dieselbe Art von Respekt von allen anderen, die wir ihnen unsererseits entgegenbringen. Die dritte Form der Anerkennung nenne ich „soziale Wertschätzung“. Auch diese Erfahrung, für eigene Fähigkeiten und Begabungen wertgeschätzt zu werden, entwickelt sich in der Sozialisation relativ früh.

Verstehen Sie Anerkennung als eine Art Lebensmittel, ohne das Menschen biologisch und sozial nicht lebensfähig sind?

Für unsere psychische und soziale Kräftigung und Identitätsbildung besitzt die Anerkennung eine ähnlich elementare Funktion wie auf biologischer Ebene Wasser und Luft. Alle Untersuchungen zur frühkindlichen Sozialisation zeigen dies. Kinder ohne emotionale Zuwendung in den ersten Lebensmonaten haben – beinahe im klinischen Sinn – psychische Defekte. Sie sind traumatisiert. Wir haben kein Bedürfnis nach Anerkennung, so wenig wie wir ein Bedürfnis nach Luft oder nach Wasser haben. Wir bedürfen der Anerkennung als existenzielles Wachstumsmilieu. Unser ganzes Hineinwachsen in die Gesellschaft hängt davon ab.

Unsere Initiative heißt „Alle Achtung“. Was ist der Unterschied zwischen Achtung und Anerkennung?

Achtung heißt einerseits „Achtung!“ und verweist auf die Notwendigkeit einer Distanznahme. „Ich muss vorsichtig sein. Ich muss zurücktreten.“ Wenn jemand eine Straße überqueren möchte und ein Auto heranfährt, rufe ich „Achtung!“.
Eine ganz andere Bedeutung ist jedoch die Zustimmung zur Unabhängigkeit des Anderen. Die Achtung dem Anderen gegenüber räumt ihm seine eigene Autonomie und damit seine eigene Fähigkeit ein, sein Leben zu gestalten und nach eigenen Gesichtspunkten zu handeln. Wenn ich dem Anderen das Recht einräume, nach eigenen Gesichtspunkten zu denken und zu handeln, so erwarte ich umgekehrt, dass ich nach vollkommen selbstständig gewählten Gesichtspunkten das eigene Leben organisieren kann.

Anerkennung ist für die Persönlichkeitsentwicklung und Individuation die zentrale Kraft. Welche Veranlassungsenergie steckt in ihr?

Der individuelle Sozialisationsprozess wird durch unterschiedliche Formen von Anerkennung gewährleistet. Wir wissen: Kinder müssen lernen, ihren eigenen Bedürfnissen zu trauen, diese Bedürfnisse auch zu identifizieren und gegenüber anderen zu artikulieren. Sie müssen ein gewisses Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und sich als ein gleichgeachteter Partner aller anderen Gesellschaftsmitglieder akzeptieren. Alles das findet im Binnenraum der intakten Familie und in außerfamilialen Sozialisationsräumen mit den Gleichaltrigen statt.

Halten Sie es für richtig, Anerkennungsansprüche von Anerkennungsbedürfnissen zu unterscheiden?

Anerkennungsansprüche artikulieren sich in Situationen sozialer Konflikte. Wenn soziale Minderheiten ihre Rechte einklagen, dann klagen sie damit Ansprüche auf Anerkennung ein und suchen zum Beispiel rechtliche Anerkennung.
Normalerweise besitzt jedoch dieses Bedürfnis nach Anerkennung gar nicht den Charakter eines artikulierten Interesses. Zu Ansprüchen werden diese Bedürftigkeiten erst im Fall massiven Versagens von Anerkennung. Häufig artikulieren sich solche Ansprüche auch in indirekter oder kompensatorischer Form. Sicherlich gibt es Jugendliche, die ihre Ansprüche nach sozialer Anerkennung, nach Integration oder Akzeptanz von der Gesellschaft in Form von Gewalt artikulieren. Viele Formen jugendlicher Gewalt oder auch bizarrer jugendlicher Subkulturbildung haben ihre Vorgeschichte in versagter sozialer Anerkennung.

Welche Bedeutung hat die Anerkennung in Lehrer-Schüler-Beziehungen?

Das Schüler-Lehrer-Verhältnis ist eine hochkomplizierte Sozialbeziehung. Sie verbindet die Erwartung und den Anspruch von Gleichgesinntheit und auch Gleichgestelltheit mit eindeutig vorgegebener hierarchischer Ordnung. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist deshalb so komplex und schwierig, weil eine soziale Partnerschaft und Gleichstellung in einem gemeinsamen Lernprozess mit dem sozialen Gefälle zwischen der Autoritätsrolle des Lehrers und dem unterstellten Schüler balanciert werden muss. Die Herausforderung für Lehrer/-innen besteht darin, auf Augenhöhe mit den heranwachsenden Schülern zu kooperieren und dabei auf Wechselseitigkeit zu achten, zugleich jedoch Autorität auszuüben, ohne den Schüler zu beschädigen. Die Bewältigung dieser zwiespältigen Aufgaben ist ein fundamentales Problem des gesamten Berufsstandes.

Wenn jetzt dieses Spannungsverhältnis durch Anerkennung zusammengehalten wird. – Was heißt das denn dann?

Alle am Erziehungs- und Bildungsprozess Beteiligten sollten sich zunächst darüber klar werden, auf welche elementaren Formen der Anerkennung heranwachsende Schüler angewiesen sind. Schüler sind nicht nur unsicher im Hinblick auf ihre Rolle als heranwachsende Staatsbürger, sondern auch höchst unsicher im Hinblick auf ihre eigenen Fähigkeiten und Begabungen. Die Familie kann außerdem nicht allein die Bedürfnisse nach emotionaler Zuwendung gewährleisten. Ich halte daher eine Anerkennungskultur für unverzichtbar. Für mich bedeutet dies: Alle Schüler und Schülerinnen besitzen zunächst einmal die Begabungen und Fähigkeiten, die es ihnen erlauben, erfolgreich den Schulprozess abzuschließen. Diese Vorgabe an Wertschätzung und diese Prämisse des Anerkennungsvorschusses ist das Fundament für Anerkennungsbeziehungen. Hier sehe ich in der Entwicklung unserer Schulen ein großes Problem. Mit der Einschulung verbindet sich bereits ein starker Leistungsdruck mit dem Misstrauen in die Fähigkeiten der jeweiligen Schüler. Dieser mangelnde Vorschuss in die Potenziale der Schüler verstärkt natürlich die schichtenspezifischen Unterschiede. Schüler aus bildungsfernen Schichten kommen sehr häufig mit einem Mangel an Vertrauen in ihre eigenen Kompetenzen in die Schule. Sind sie in der Schule dann mit einer Kultur des Misstrauens in ihre Fähigkeiten konfrontiert, kann dieses fehlende Selbstvertrauen nur noch wachsen. Wollen wir die Selektivität unseres Schulsystems überwinden, müssen wir Kindern im frühen Eintrittsalter eine „Kultur des wohlverstandenen Vorschusses“ entgegenbringen und ein Vertrauen in die Begabungen und Fähigkeiten jedes Einzelnen entwickeln. Für die Gestaltung des Unterrichts bedeutet das eine große Herausforderung. Lehrer müssen für diese Kultur des Vorschusses ausgebildet und persönlich ausgestattet sein. Nur dann können sie auf die Begabungen aller ihrer Schüler vertrauen, statt ein misstrauisches, durch habituelle, schichtspezifische Vorurteile geprägtes Auge auf die Leistungen und das Verhalten ihrer Schüler zu werfen. Wir müssen eine Tugend der Gewährung von „vorweggenommener Anerkennung“ entwickeln. Aus der Lehrerperspektive bedeutet das: Ich antizipiere für alle meine Schüler zunächst einmal den erfolgreichen Bildungsabschluss. Jeder hat das Zeug dazu. Es wird sich dann immer noch herausstellen, ob jeder in der Lage ist, alle diese vorgesehenen Abschlüsse auch zu schaffen.

Bedeutet „Achtung und Anerkennung in der Schule“ nicht auch, den Zusammenhang zwischen Lern- und Verkehrsformen in der Schule zum Thema zu machen?

Werteerziehung ist häufig mit der Illusion verbunden, Werte ließen sich tatsächlich in Form eines Unterrichts erlernen. Das ist eine vollkommen falsche Vorstellung. Werteerziehung findet in entsprechenden Umgangsformen statt, die von Werthaltungen geprägt sind. Werte vermitteln sich am ehesten in Formen praktischer Auseinandersetzung und durch Vorbilder. Die Werte sitzen in den schulischen Verkehrsformen und nicht in abstrakten Zielen. Die autoritäre Schule der 1920er-Jahre hat schon durch ihre Umgangsformen den Wert der Autorität vermittelt. Wollen wir an unseren Schulen Verkehrsformen praktizieren, die von Respekt und Achtung gefärbt sind, gelingt dies nur durch das Vorleben entsprechender Umgangsformen.

Ist es überhaupt denkbar, dass wir in einer asymmetrischen Beziehung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses von Anerkennung sprechen können?

Mir geht es um das Erlernen wechselseitiger Anerkennung. Können wir uns Formen des Unterrichts vorstellen, in denen nicht nur Lehrer, sondern auch Schüler eine solche Anerkennung gegenüber dem Lehrer entwickeln? Schüler sollen ja nicht nur Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln, sondern auch erlernen, andere für bestimmte Fähigkeiten anzuerkennen. Auch im Lehrer-Schüler-Verhältnis geht es um wechselseitige Anerkennung. Lehrer sollten sich daher auch als autonome, als verletzbare und auf Wertschätzung angewiesene Personen offenbaren. Lehrer sollten ihren Schülern auch ihre prekäre Gradwanderung zwischen Autorität und Kollegialität durchsichtig und verständlich machen. Viele einzelne Lehrer beherrschen diese schwierige Rolle auf eine außerordentlich gute Weise. Wer gegenüber seiner Klasse so agiert, ermöglicht seinen Schülern das Verständnis, ihre Lehrer nicht nur als Respektspersonen ohne Fehl und Tadel, sondern als verletzbare Personen zu begreifen, die ebenfalls Anerkennung brauchen.

Anerkennung braucht die Erfahrung, Gleicher unter Gleichen zu sein. Anerkennung braucht aber auch die Erfahrung von individueller Unterschiedlichkeit. Was bedeutet diese Gleichzeitigkeit von Gleichheit und Differenz für Lernen und Schule?

Wir brauchen möglichst viele unterschiedliche Formen des spielerischen und nicht verletzenden Wettbewerbs. Verlieren darf nicht mit heillosen Ängsten über ein komplettes Versagen einhergehen. Haben wir möglichst viele unterschiedliche und kreative Formen des Wettbewerbs, die sich nicht sofort im Diktat der Benotung niederschlagen, kann eine Anerkennungskultur entstehen. Eine Niederlage im Fußballspiel ist nicht sofort mit der Drohung verknüpft, ein kompletter Versager zu sein. In unseren Schulen ist häufig die einzige Form des Wettbewerbs der mit starken Ängsten verknüpfte Leistungsnachweis. Viel produktiver wäre es, im Kreativen, Musischen, Sportlichen andere Formen des Wettbewerbs an die gleiche Stelle zu setzen, ohne dass dahinter immer die Drohung des Totalversagens steht. Die einzige Form des Wettbewerbs im Schulunterricht ist augenblicklich die der benoteten Hausarbeit oder Klassenarbeit. Das halte ich für fatal.

Gehen denn Selektion, Leistungsmessung und Anerkennung überhaupt zusammen?
Kennen wir nicht alle vielfältige Umgangsformen, in denen Selektion nach individueller Leistung und Anerkennung auf eine nicht verletzende Art und Weise zusammenpassen? Wir kennen Spiele, in denen es einen Gewinner gibt. Wenn ich bei einem gemeinsamen Quiz beispielsweise nicht der Erste bin und versage, dann ist das für mich keine verletzende Erfahrung. Auch Niederlagen im Sport müssen nicht mit einer Beschädigung meiner Gesamtpersönlichkeit einhergehen. Wir kennen Formen der Bewertung, des Wettbewerbs oder der Überprüfung von Leistungen, die nicht die schrecklichen Formen besitzen müssen, wie wir sie aus vielen Schulen kennen.

Wir haben die Vermutung, dass Lehrer einen Hunger nach Anerkennung haben. – Warum ist das Gefühl von mangelnder Anerkennung so verbreitet?

Viele Lehrer befinden sich heute in einer schwierigen Rolle. Sie sind häufig auf sich allein gestellt und stehen nicht nur vonseiten der Schüler, sondern auch vonseiten der Eltern, der Schulbehörden und der Öffentlichkeit einer Wand von Unverständnis, Misstrauen und Abwehr gegenüber. Es gibt ein Klima des tiefen Misstrauens gegen den Beruf des Lehrers, dem Versagen vorgeworfen wird. Außerdem sind Lehrer in ihrer Berufsrolle kaum geschützt. Für das stark gewachsene Bedürfnis nach Rückhalt in die eigene Berufsrolle habe ich großes Verständnis. Der augenblicklich stattfindende Strukturwandel in Richtung einer viel stärkeren Leistungsorientierung setzt den Berufsstand des Lehrers unter großen Druck. In begüterten Schichten führt die erwartete Aufstiegsmobilität zu massiven Vorwürfen der Eltern an die Lehrer, die für das Fehlversagen verantwortlich sein sollen. Eltern machen sich hier nicht zum Partner des Lehrers in einem gemeinsamen Unternehmen, sondern verstehen sich als Rechtsanwälte ihrer Kinder. Das hinterlässt natürlich bei dem Lehrer ein Gefühl vollkommener Isolation. Er steht häufig mit dem Rücken zur Wand. Wenn wir Lehrern die Kraft geben wollen, ihre eigene Rolle produktiv auszufüllen, dann müssen wir das dringend ändern. Sind Lehrer die Angeklagten der Schüler, der Eltern und möglicherweise noch der Behörden, dann ist das eine persönliche und strukturelle Katastrophe. Eltern täten besser daran, dem Lehrer denselben Vorschuss an Vertrauen in seine Fähigkeiten zu geben, wie sie das vom Lehrer ihren Kindern gegenüber erwarten.

Axel Honneth

(* 1949 in Essen) ist ein deutscher Philosoph mit dem Arbeitsschwerpunkt Sozialphilosophie. Er gilt als einer der exponiertesten Schüler von Jürgen Habermas und nach diesem als einer der wichtigsten lebenden Vertreter der „Frankfurter Schule“. Seit April 2001 ist Honneth geschäftsführender Direktor des von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in den 1950er-Jahren neu begründeten Instituts für Sozialforschung (IfS) an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Honneth ist Herausgeber der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“, des „European Journal of Philosophy“ und der Zeitschrift „Constellations“. Seit März 2007 ist er außerdem Präsident der Internationalen Hegel-Vereinigung.

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Peter Maffay, Rockmusiker und NGO-Aktivist

„Respekt und Anerkennung sind unverzichtbare Lebensmittel im sozialen Miteinander. Was für mich und meine musikalische Arbeit in der Band gilt, hat für geglückte Bildung und Erziehung keine geringere Bedeutung. Mit diesem Internetportal und seiner ‚Landkarte der Anerkennung’ schließen wir eine Lücke im Internetangebot für Erzieher- und LehrerInnen. Es gibt noch kein Portal, das anhand einer Landkarte die vielfältigen Werteerziehungsprojekte der Kindertageseinrichtungen und Schulen sichtbar und zugänglich macht.“

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Herbert F., Gymnasiallehrer, 45 Jahre