
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Sabine Andresen, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld. Sie betreute gemeinsam mit Klaus Hurrelmann die World-Vision-Kinderstudie wissenschaftlich.
Der Philosoph Aristoteles betont in der „Nikomachischen Ethik“: „Keiner möchte ohne Freunde leben, auch wenn er ansonsten alle übrigen Güter zur Verfügung hätte.“ Auch Kinder wollen von ihren Freundinnen und Freunden anerkannt und als Person geachtet werden. In der ersten World-Vision-Kinderstudie erzählt die elfjährige Monique, dass eine gute Freundin sich durch Vertrauen, Ehrlichkeit und Verschwiegenheit auszeichne, und sie berichtet davon, dass eine frühere Freundin alles weitererzählt und auch gelogen habe. Das heißt, Kinder verbinden Werte mit Freundschaften und sie haben klare Erwartungen. Zum Kinderleben gehört aber auch, von Freundinnen und Freunden enttäuscht zu werden, ebenso wie sie den Bruch einer Freundschaft erleben.
Für die Entwicklung moralischen Bewusstseins im Kindesalter sind die Arbeiten von Jean Piaget wichtig. Er hat Kinder in ihrem gemeinsamen Spiel beobachtet und gesehen, wie sie beispielsweise einander in die Pflicht nehmen, Regeln einzuhalten, und wie sie moralisch urteilen. Die Kindheitsforscher Lothar Krappmann und Hans Oswald haben in ihren Untersuchungen herausgearbeitet, dass Kinder für den Erwerb sozialer Kompetenzen und für die Entwicklung eines Wertebewusstseins insbesondere symmetrische Beziehungen, also Gleichaltrige, benötigen.
Insgesamt wissen wir aus der Kindheitsforschung, dass Freundschaften zwischen Kindern zu den relevanten Rahmenbedingungen eines guten Aufwachsens im Kindes- und Jugendalter gehören. Dabei sind Freundschaften unter Kindern als ausgesprochen voraussetzungsvolle soziale Beziehungen zu verstehen, weshalb man Freundschaft auch als grundlegende Fähigkeit bezeichnen könnte.
Bereits ein Kleinkind spürt deutlich, mit welcher Haltung ihm begegnet wird, wobei sich die Werte und die Komplexität von Anerkennung und Achtung erst entwickeln. Hier sind die Beobachtungen und Erfahrungen von Erzieherinnen wichtig, weil sie es sowohl mit Kleinkindern als auch mit Vorschulkindern zu tun haben. Freundschaft ist eine Fähigkeit, die sich im Miteinander, beim Spielen, Singen, Toben oder auch Streiten entfalten muss.
In der ersten World-Vision-Studie haben wir Kinder gefragt, was andere Kinder beliebt macht, und hier wird ihre Werteorientierung sichtbar. Danach sind speziell die Kinder beliebt, die immer zu ihren Freunden halten. Verlässlichkeit, Vertrauen, Achtung und Anerkennung sind also für Freundschaften sehr wichtig. In diesem Punkt stimmen Jungen und Mädchen vollkommen überein. Aber Kinder werden von anderen Kindern auch dann besonders anerkannt, wenn sie anderen helfen – was zum Beispiel in der Schule bedeutsam ist und was Mädchen wichtiger finden als Jungen – wenn sie lachen und lustig sind oder gut sind im Sport. Letzteres ist für Jungen zentral. Doch es gibt bei Kindern durchaus auch andere Gründe, jemanden zu mögen, wenn er oder sie gut aussieht, den Klassenclown spielt oder teure Klamotten trägt.
In Kindergarten, Schule und Freizeit verbringen Kinder sehr viele Stunden eines Tages mit Gleichaltrigen. Dabei machen sie wichtige Erfahrungen, die nur in symmetrischen Beziehungen möglich sind. Ob sich ein Kind in der Kindertagesstätte und in der Schule wohlfühlt, hängt in einem nicht geringen Ausmaß davon ab, ob es in der Gruppe der Gleichaltrigen integriert und anerkannt ist, ob es sich mit seinen Vorstellungen einbringen kann, sich als wirksam erfährt und auch in Konflikten nicht grundsätzlich infrage gestellt wird.
Erwachsene, die privat oder beruflich mit Kindern zu tun haben, sollten ihr Augenmerk darauf richten, ob Kinder genügend Zeit und Gelegenheit haben, Freundschaften zu leben. Die Kinder- und Jugendbuchautorin Mirjam Pressler hat ein schönes Buch über Freundschaft geschrieben: „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“. In der Geschichte können zwei Mädchen nur unter widrigen Bedingungen in einem Kinderheim der Nachkriegszeit Freundschaft schließen. Es sind traumatisierte Mädchen, die von den verantwortlichen Erwachsenen mehr Unterstützung, Achtung und Anerkennung ihrer Person benötigt hätten.
Erwachsene machen sich nicht immer klar, dass sie für Freundschaften Vorbilder sein können, wenn sie zeigen, dass auch ihnen ihre eigenen Freunde wichtig sind. Hier unterscheiden sich Kinder und Erwachsene kaum. Freunden sollte man stets einen Stuhl hinstellen, egal wie alt man ist.
Erfahrungen der Erniedrigung, Missachtung oder Beschämung sind „Anerkennungskiller“, gegen die sich Kinder im Machtgefälle der Generationen nur schwer wehren können. In der World-Vision-Kinderstudie wird deutlich, wie wichtig es ist, Kinder angemessen einzubinden, ihre Erfahrungen zu berücksichtigen und insbesondere auf ihre Meinung zu achten. Aus Sicht der Kinder sind insbesondere die Eltern und die Freunde diejenigen, die Wert auf ihre Meinung legen. Auf diesen Befund könnte die Pädagogik reagieren, indem darüber nachgedacht wird, wie die unterschiedlichen Bildungsarrangements in Kindergarten und Schule gestaltet werden könnten, damit alle Kinder die Erfahrung machen, als ganze Person geachtet zu werden. Wichtig ist das Erleben. Dass ihre Meinung gehört und einbezogen wird und dass sie von sich selbst und ihren Freunden den Eindruck bekommen, ihre Umwelt gestalten zu können.
Frau Andresen, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Aktuelle Forschungsprojekte:
Aus: www.uni-bielefeld.de/paedagogik/agn/ag1/andresen.htm
Liebe Lehrer- und ErzieherInnen,
Schulen und Kindertagesstätten sind ein Ort des Lebens und Lernens. Wir alle wollen uns dort wohlfühlen. Wir wissen, selbstbewusste und glückliche Kinder lernen besser:
• Ihr Kollegium und Ihre SchülerInnen kommen gerne in die Schule oder Kita: Was tun Sie dafür?
• Spannungen, Auseinandersetzungen und Konflikte: Wie gehen Sie damit um?
• Achtung und Anerkennung bestimmen Ihr Schul- und Klassenklima: Worauf kommt es an?
Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen in der Werteerziehung!
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Tauschen Sie sich aus und holen Sie sich neue Impulse für Ihre Arbeit!
Machen Sie Respekt und Anerkennung sichtbar!
*Ihr Tabaluga und das Alle-Achtung-Team
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„Respekt und Anerkennung sind unverzichtbare Lebensmittel im sozialen Miteinander. Was für mich und meine musikalische Arbeit in der Band gilt, hat für geglückte Bildung und Erziehung keine geringere Bedeutung. Mit diesem Internetportal und seiner ‚Landkarte der Anerkennung’ schließen wir eine Lücke im Internetangebot für Erzieher- und LehrerInnen. Es gibt noch kein Portal, das anhand einer Landkarte die vielfältigen Werteerziehungsprojekte der Kindertageseinrichtungen und Schulen sichtbar und zugänglich macht.“
Werte sind die
Antworten auf
existenzielle Fragen
der Menschen.
Herbert F., Gymnasiallehrer, 45 Jahre