
Geschlechtsspezifische Formen der Anerkennung im Kinderfernsehen – ein Gespräch mit der Medienwissenschaftlerin Dr. Maya Götz
Ja, gerade die Kinder, die im Alltag wenig Anerkennung erfahren, finden sich mit ihren Themen und Problemen in den Medien wieder. Ein Beispiel sind kleine Kinder. Wickie ist hier eine gute Identifikationsfigur – für Jungen und Mädchen. Er ist klein und setzt sich trotzdem durch. Das ist eine implizite Anerkennungserfahrung. Das Kind vor dem Fernseher ist zwar klein und kann noch nicht viel, es wird ihm aber trotzdem etwas zugetraut. Auch Pipi Langstrumpf ist so eine Identifikationsfigur, die sogar alleine lebt. Vor allem der fiktionale aber auch der non-fiktionale Bereich hält so Anerkennungserfahrungen für Kinder bereit.
Nein, diese Erfahrungen sind sogar gerade mit den Projektionsflächen der Medien noch häufiger möglich. In persönlichen Begegnungen gibt es viele Menschen, die anerkennen, aber auch viele, die dies nicht tun – gerade die Gefühle und Probleme und Leistungen von Kindern. Die Medien bieten mit ihren vielen Geschichten auch mehr Raum für individuelle Bedürfnisse. Denn Erwachsene können sich nur bedingt in die Welt von Kindern einfühlen. Sie können loben, aber dass sie genau die Themen der Kinder treffen, ist unwahrscheinlich. Vor allem wenn Eltern nicht immer nett sind, können sich Kinder in Geschichten wie Harry Potter mit seiner grässlichen Pflegefamilie wiederfinden. Eltern können hier meist weder das Detailproblem erkennen noch das Ganze, denn sie wollen das Beste für ihre Kinder.
Es gibt in jedem Fall einen großen Unterschied zwischen Nordeuropa und den USA. In den amerikanischen Medien kommt es so gut wie nicht vor, dass Kinder auch mal aufmüpfig und anarchisch dargestellt werden. In den USA geht es um klar definierte Werte wie Erfolg um Aussehen. Erfolg spiegelt sich zum Beispiel im Sport. In europäischen Kindermedien wird dagegen viel stärker auf Individualität gesetzt. Kinder mit individuellen Themen und Problemen werden gezeigt, die sich trotzdem durchsetzen. Gemeinschaft ist in beiden Regionen wichtig, aber in Europa wird der individuelle Kinderweg betont, umso mehr, je weiter man nach Norden kommt. US-Medien sind sehr viel oberflächlicher, die klar umrissenen Werte werden oft auch direkt formuliert.
Das ist sehr komplex. Das größte Problem ist, dass die Kandidaten in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Anerkennung gibt es nur für den Sieger, für den, der dem Publikum und Herrn Bohlen gefällt. Anerkennung gibt es auch hier nur für klar umrissene Werte wie gutes Aussehen, die irgendjemand vordefiniert. Alle anderen Möglichkeiten auf oder jenseits der Bühne fallen komplett aus dem Anerkennungsschema heraus. Die absolute Präsenz von DSDS lenkt das Anerkennungsbedürfnis, das bei jedem vorhanden ist, dann auch noch vor dem Bildschirm in diese Richtung. Diese Eingrenzung und Gleichmacherei lässt wenig Raum für Individualität und andere Werte.
Die Anerkennung in rezeptiven Medien wie dem Fernsehen kommt daher, dass sich das Kind die Geschichte weiterdenkt, auf sich bezieht und so Anerkennung erfährt. In den interaktiven Medien, zum Beispiel bei Computerspielen, ist diese Erfahrung viel direkter. Es ist auch eine ganz andere Art der Erfahrung. Man wird innerhalb kürzester Zeit zu einem Experten oder einer Expertin in einem Bereich, kann bestimmte Level erreichen und Anforderungen genügen. Das ist natürlich gerade für die Kinder, die im Alltag keine Anerkennung erfahren, die den Anforderungen eben nicht genügen, sehr attraktiv. Sie können selbst mitsteuern, ob sie Anerkennung bekommen. In der Realität können sie das meist nicht – zumindest nicht aus ihrer subjektiven Wahrnehmung heraus. Im Computerspiel können sie sich selbst Herausforderungen stellen und sich beweisen. Hier haben sie die Welt selbst im Griff und bekommen sie nicht einfach vorgesetzt.
Es gibt hier ganz klare geschlechtsspezifische Unterschiede. Bei Mädchen ist es im Alltag und den Medien so, dass sie von Anfang an antrainiert bekommen, sich von außen zu sehen. Gutes Aussehen ist wichtig und Grundvoraussetzung für Anerkennung, Spaß und Erfolg. Zwei von drei Zeichentrickmädchen sind schlanker als Barbie – das sind Maße, die mit keiner Schönheitsoperation mehr zu erreichen sind. Mädchen müssen Leistung bringen und die Besten sein, Versagerinnen kommen in den Medien so gut wie nicht vor. Und sie müssen sozial verantwortlich sein. Die Mädchen integrieren diese Vorgaben dann auch sehr schnell in ihr Weltbild. Viele genügen den Vorgaben, aber beim Aussehen genügt ihnen fast keine und es stellt sich sehr schnell ein Defizitgefühl ein.
Bei den Jungen gibt es zwei Richtungen. Es ist ziemlich egal, wie er aussieht, er sollte nur möglichst keinen Migrationshintergrund haben und er sollte Leistung bringen. Die Hürden, die man ihm stellt, sollte er möglichst hoch überspringen. Die zweite Variante deutet die Herausforderungen des Lebens um, unterläuft also die Hürden und siegt trotzdem. In der Schule ist zum Beispiel die Anerkennung in der Clique wichtiger als die gute Note. Bart Simpson unterläuft alles, SpongeBob geht seinen ganz eigenen Weg und beide setzen sich dennoch durch. Jungen übernehmen das auch sehr leicht in ihren Alltag, was zu großen Problemen in der Schule führt. Deshalb sind Mädchen insgesamt viel stärker in ihren schulischen Leistungen, weil sie die Leistungsanforderungen annehmen, während die Jungen sie häufig für sich umdeuten.
Eigentlich nicht. In den 1990er Jahren gab es einen breiten Diskurs um Anerkennung. Aktuell gibt es aber nur noch die Pädagogik der Anerkennung. Diese beschäftigt sich allerdings eher mit Migration, also der Anerkennung von Unterschiedlichkeit. Achtung und Anerkennung werden in der Pädagogik als zentrale Werte leider viel zu wenig beachtet. In der Medienforschung geht es meist um Wirkung und damit genau um die Nichtanerkennung von Individualität. Der Rückschluss etwa, dass Nutzer von Killerspielen selbst zu Killern werden, erkennt nicht an, dass dahinter der Wunsch nach individueller Anerkennung steht. Dieser muss nicht unbedingt etwas mit Tod zu tun haben, noch nicht mal mit Gewalt, vielleicht mit Aggressivität, aber die anderen Dinge, die möglicherweise dahinter stehen, werden verkannt.
Zum einen ist das die Kongruenz: Menschen, die echt sind, die in sich ruhen – im Gegensatz zu Menschen, die sich selbst so viel weggenommen haben von ihrem Leben, dass sie nicht mehr vollständig sind. Zum anderen ist Engagement wichtig; die Begeisterung und Energie, sich für etwas zu engagieren – mit der besonderen Perspektive Kinder ernst zu nehmen und ihnen nicht nur unsere Sichtweise aufzuzwingen.
Ich arbeite ja weniger im akademischen Zirkel der Universitäten sondern in der Fernsehforschung. Ich helfe Kinderfernsehproduzenten dabei, bessere Sendungen zu machen. Hier sind Quoten eine „Währung“, die mehr oder weniger aussagekräftig ist, oder der Gebrauchswert, also wie viel Kinder mit der Sendung in ihrem Alltag anfangen können. Für mich persönlich ist es die größte berufliche Anerkennung, wenn Redaktionen meine Argumente und Empfehlungen aufnehmen, unseren wissenschaftlichen Beitrag professionell umsetzen und dann viel dichter an den Kindern dran sind als vorher, wenn sie wirklich Fernsehen für Kinder machen.
Liebe Lehrer- und ErzieherInnen,
Schulen und Kindertagesstätten sind ein Ort des Lebens und Lernens. Wir alle wollen uns dort wohlfühlen. Wir wissen, selbstbewusste und glückliche Kinder lernen besser:
• Ihr Kollegium und Ihre SchülerInnen kommen gerne in die Schule oder Kita: Was tun Sie dafür?
• Spannungen, Auseinandersetzungen und Konflikte: Wie gehen Sie damit um?
• Achtung und Anerkennung bestimmen Ihr Schul- und Klassenklima: Worauf kommt es an?
Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen in der Werteerziehung!
Markieren Sie Ihr Projekt auf der „Landkarte der Anerkennung“!
Tauschen Sie sich aus und holen Sie sich neue Impulse für Ihre Arbeit!
Machen Sie Respekt und Anerkennung sichtbar!
*Ihr Tabaluga und das Alle-Achtung-Team
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„Respekt und Anerkennung sind unverzichtbare Lebensmittel im sozialen Miteinander. Was für mich und meine musikalische Arbeit in der Band gilt, hat für geglückte Bildung und Erziehung keine geringere Bedeutung. Mit diesem Internetportal und seiner ‚Landkarte der Anerkennung’ schließen wir eine Lücke im Internetangebot für Erzieher- und LehrerInnen. Es gibt noch kein Portal, das anhand einer Landkarte die vielfältigen Werteerziehungsprojekte der Kindertageseinrichtungen und Schulen sichtbar und zugänglich macht.“
Werte sind die
Antworten auf
existenzielle Fragen
der Menschen.
Herbert F., Gymnasiallehrer, 45 Jahre